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Seit der Tango zu einem weltweiten
Massenphänomen geworden ist, wird von verschiedenen Seiten versucht, ihn von dem Image
des "traurigen Gedankens, den man tanzt" (nach E.S. Discépolo), zu befreien.
Wahrscheinlich wird befürchtet, dass Melancholie bei der Zielgruppe nicht so gut ankommt,
in einer Zeit, in der es vorrangig darum geht, Spass zu haben.
Ich bin ganz anderer Ansicht. Wenn man eine ausländische Kulturschöpfung in unseren
Breiten vermitteln und pflegen will, dann muss man sie so unverfälscht verbreiten,
wie sie ist. Nicht von ungefähr nennt Dieter Reichardt sein Tangobuch*) im Untertitel:
"Verweigerung und Trauer". Reichardt ist Uni-Professor in Hamburg und Experte in Sachen
Tangokultur.
Glücklicherweise haben wir ja zahlreiche Belege für den Gefühlsgehalt
des klassischen Tangos. Es sind die Tangotexte,
in denen die Dichter die Seelenlage des Tangos in Worte fassen. Als erster in Deutschland
hat Reichardt in seinem Buch Übersetzungen von wichtigen Tangotexten veröffentlicht.
Auch wir haben von Anfang an grössten Wert auf die Vermittlung der Texte gelegt. Und wir
tun das weiterhin im Rahmen unserer Homepage.
Ich glaube sogar, dass es gerade das melancholische Element ist, das viele
Menschen in den Industrieländern anzieht, und das sie im Tango eine seelische Heimat
finden lässt. Wer sich mit den Tangotexten beschäftigt, wird sehr bald feststellen, dass
der Tango weder Ausdruck einer Spassgesellschaft ist, noch eine Kultur der Sieger. Im
Gegenteil. Es ist sicher nicht übertrieben, wenn man den Tango als eine Kultur des
Scheiterns bezeichnet. Fracaso, Scheitern, ist eine häufige Vokabel in den Poemen
des Tangos. Das Scheitern muss sich ja nicht auf den Beruf beziehen. Vieles im Leben kann
zu Bruch gehen. Man kann nach aussen hin weiter funktionieren und sich trotzdem in seinem
Innern ganz anders fühlen. (Lassen wir es bei dieser vereinfachten Darstellung).
Reichardt, Dieter: Tango : Verweigerung und Trauer. -
versch. höhere Aufl.
(Suhrkamp TB 1087)
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Wenn es soweit ist, dann kommt der Tango mit seiner Vieldeutigkeit und Tiefgründigkeit als
Korrektiv ins Spiel. Uns geht es mies, und wir tanzen...! Tango...
Als klassischen Tango bezeichnet man den Tango der 1940er Jahre. Tango de los 40
ist der entsprechende Fachbegriff für diesen Stil in Musik, Text und Tanz, der auch im
Mittelpunkt unserer Arbeit steht. Aber wie bei allen Kunstströmungen, so ist es auch beim
Tango. Viele Künstler scheren sich nicht um Zeiten, Moden oder neue Strömungen, sondern
bleiben weiterhin bei ihrem Stil. Das gilt auch für den folgenden Tango, der 1966 entstand,
also eine erhebliche Zeit nach der "goldenen" Zeit der 40er Jahre.
Der Tango Madrugada (Tagesanbruch) von Fernando Rolón ist ein Meisterwerk
seiner Art. Dichterisch spielt er in komprimiertester Form mit den Versatzstücken eines
typischen Tangos. Weltschmerz, eigenes Versagen, Einsamkeit, Theke, Schnaps. Zugleich ist der
Protagonist ausserhalb stehender Beobachter der alltäglichen Welt der Berufstätigen,
der er sich nicht zugehörig fühlt. Trotzdem ist dieser Text nicht einer von tausend
gleichartigen, sondern in Stimmung und Beobachtung ganz eigenständig. Wir haben diesen
Tango auf einer CD mit dem Sänger Luis Cardei, der bei den meisten Stücken nur von dem
Bandoneonisten Antonio Pisano begleitet wird. Nur ein einsamer Sänger und ein
Bandoneonspieler. In dieser Minimalbesetzung entfesseln die beiden Tangomusiker
in Wort, Musik und Stimme eine Tangointerpretation der allerersten Spitzenklasse, die eine
adäquate tänzerische Ergänzung geradezu erzwingt. Tango zum Süchtigwerden.
Mehrere Tangos dieser CD*) sind aufgrund ihrer Interpretation dem Genre Tango
canción (Tangolied) zuzurechnen und deshalb nicht eigentlich zum Tanzen gedacht.
Eckart Haerter
Luis Cardei: de madrugada
DBN - CDM 51.586
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Madrugada
(Tango 1966)
Música y letra: Fernando Rolón
Estoy sentado a mi mesa
oyendo un tango que nadie escucha.
Casi las cinco de la matina
y hay un recuerdo que me hace burla.
En la ginebra aburrida
voy evocando mi vida...
Y detrás del ventanal,
el desfile matinal
de los que ganan su pan.
La noche ya larga el mazo
y talla la madrugada,
con el sol medio dormido
que alumbra el tranco aburrido
del botón de la parada
y un punto trasnochador
de silbo y taco al compás
se va de atorro al convoy.
En mil estaños nocheros
y en escolazos de madrugadas
palmé una vida, casi vacía,
y hoy que hago cuentas no tengo nada.
En la ginebra aburrida
sigo evocando mi vida
y la bronca de saber
que los años que se van
ya nunca podrán volver.
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Tagesanbruch
(Tango 1966)
Musik und Text: Fernando Rolón
Ich sitze an meinem Tisch,
und höre einen Tango, dem keiner zuhört.
Fast fünf Uhr morgens
und eine Erinnerung, die mich zum Gespött macht.
In dem elenden Gin
lass' ich mein Leben an mir vorbeiziehn…
Und vor dem Fenster
das morgendliche Defilee derer,
die ihr Brot verdienen..
Die Nacht legt langsam die Karten hin,
und der Morgen bricht an,
mit einer Sonne, die, noch im Halbschlaf,
den gelangweilten Schritt
des Polizisten vor der Wache beleuchtet,
den ein abgewrackter nächtlicher
Rumtreiber mit Pfiffen und Schritten
im selben Takt begleitet
An tausend nächtlichen Theken
und bei Kartenspielen im Morgengrauen
bezahlte ich für ein fast leeres Leben,
und heute, da ich Bilanz ziehe, habe ich nichts.
In dem elenden Gin
lass ich weiter mein Leben an mir vorbeiziehn
und den Zorn über das Wissen,
dass die Jahre, die vergehn,
nicht mehr zurückkommen können.
Übers.: Eckart Haerter
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